Laudatio zum „Honorary Award 2019 Lecture on Prevention“

Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie wurde Prof. Dr. Rainer Hambrecht, Vorsitzender der Stiftung Bremer Herzen, mit dem „Honorary Award 2019 Lecture on Prevention“ für seine besonderen Leistungen in der Präventionsmedizin ausgezeichnet. Hier finden Sie die Laudatio von Prof. Dr. med. Joachim Thiery, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik (ILM) des Universitätsklinikums Leipzig, im Wortlaut.

 

Hochgeschätzter Laureat, lieber Rainer,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist eine große Ehre, heute die Laudatio zur Verleihung des „Honorary Award 2019 Lecture on Prevention“ an Professor Dr. Rainer Hambrecht zu halten.

Mit Rainer verbindet mich eine wunderbare Zusammenarbeit und Freundschaft über mehr als zwei Jahrzehnte. Ich bedauere es daher sehr, wegen eines leider nicht verschiebbaren medizinischen Eingriffs, die Laudatio für Dich nicht selbst halten zu können. Meine persönliche Gratulation werde ich aber bald nachholen.

Was ist das Besondere an dem Werk von Rainer Hambrecht für die kardiologische Prävention, dass er heute auf Beschluss des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie Herz- und Kreislaufforschung so herausragend gewürdigt wird? Mit dem Preis wird Rainer Hambrecht in die Reihe überaus renommierter Laureaten der „Lecture on Prevention“ aufgenommen. Diese Auszeichnung mit dem seit 2002 verliehenen Ehrenpreises für maßstabsetzende Arbeiten zur Prävention von Herzerkrankungen haben zuvor so bekannte Laureaten wie Heribert Schunkert, Salim Yussuf, Gerhard Schuler, Helmut Gohlke, Steve Humphries, Gerd Utermann und zuletzt Michael Marmot erhalten, um nur einige Namen zu nennen. Rainer Hambrecht ist zweifellos ein überaus würdiger Preisträger, um diese große Tradition der „Lecture on Prevention“ fortzusetzen.

v.l.n.r.: Prof. Dr. Stefan Blankenberg, Prof. Dr. Rainer Hambrecht, Prof. Dr. Gerhard C. Schuler (Foto © DGK/Thomas Hauss)

v.l.n.r.: Prof. Dr. Stefan Blankenberg, Prof. Dr. Rainer Hambrecht, Prof. Dr. Gerhard C. Schuler (Foto © DGK/Thomas Hauss)

Wenn man Rainer Hambrecht näher kennt, dann merkt man sehr schnell, dass er seine hochrangigen Leistungen nie in den Vordergrund stellt und auch nicht nach Preisen und Titel strebt. Er gehört zu der selten gewordenen Gruppe der völlig uneitlen, forschenden Ärzte mit wirklichem Exzellenzstatus. Dies erinnert mich an ein Wort des Baron de Montesquieu, der über solch uneitle Menschen vom „Zauber der Bescheidenheit“ spricht.

Montesquieu schreibt in seinen Perserbriefen:
„Ich habe Menschen gekannt, denen die Tugend so natürlich war, dass man sie gar nicht bemerkte, Sie gehorchten ihrer Pflicht, ohne sich ihr zu beugen: sie war ihnen instinktmäßig zu eigen. Weit davon entfernt, ihre guten Eigenschaften im Gespräch hervorzuheben, schienen sie ihnen gar nicht bewusst zu sein. Solche Menschen habe ich gern … und Bescheidenheit ist eine Eigenschaft, die sich für die schickt, die vom Himmel mit großen Gaben ausgezeichnet wurden…“

Und Rainer Hambrecht wurde mit großen Gaben ausgezeichnet! Wie wurde er aber zu dieser herausragenden Persönlichkeit, zu dem vorbildlichen Arzt und erfolgreichen Forscher, wie wir ihn kennen und schätzen gelernt haben?

Rainer Hambrecht hat 1982 bis 1988 an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg Medizin studiert. Große Heidelberger Ärzte dieser Zeit wie Wolfgang Kübler, Eberhard Ritz und Burkhard Kommerell haben ihn früh geprägt, und nicht zuletzt Gotthard Schettler, bei dem Rainer Hambrecht zur Therapie der familiären Hypercholesterinämie promovierte.

Unsere Wege haben sich als Medizinstudenten in Heidelberg leider nicht mehr gekreuzt, aber mir ist noch der Start der faszinierenden Eberbach-Wiesloch-Studie des jungen Heidelberger Kardiologen Gerhard Schuler gut in Erinnerung. Schuler hat damals in einem mutigen Pioniervorhaben Interventionsmethoden wie körperliches Training und Diätmaßnahmen zum Abbau von Risikofaktoren chronischer Zivilisationserkrankungen auf breiter Bevölkerungsebene untersucht. Dieses Vorgehen nannte er „kommunale Prävention“.

Durch seine Promotion zu den Lipiden kam Rainer Hambrecht auch in Kontakt mit der einzigartigen Wiesloch-Studie. So ist der Funke der Präventionsmedizin sehr früh auf Rainer Hambrecht übergesprungen und bewegt ihn bis heute. Er schloss sich 1988 mit großem Enthusiasmus der Heidelberger Arbeitsgruppe von Gerhard Schuler und Günter Schlierf an, um direkt nach seinem Staatsexamen an der 6-Jahres-Interventionsstudie in Wiesloch mitzuarbeiten. Bereits damals wurde als Ziel eine Regression der koronaren Herzerkrankung durch körperliches Training und fettarme Diät verfolgt. Rainer Hambrecht baute sich in diesem Umfeld 1991 sehr bald eine pathophysiologisch orientierte Arbeitsgruppe auf, die hämodynamische, humorale und morphologische Effekte von Ausdauertraining bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz untersuchte. Sein Lebensthema der Prävention der KHK und der Herzinsuffizienz durch körperliches Training wurde somit sehr früh in Heidelberg gesetzt.

Nach seiner erfolgreichen Weiterbildung zum Internisten ist er 1993 als Funktionsoberarzt seinem Mentor Gerhard Schuler nach Karlsruhe gefolgt. 1995 qualifizierte er sich dort zum Kardiologen. Und dann folgte ein unerwarteter Sprung in den Osten Deutschlands, nach Leipzig. Dort hatte Gerhard Schuler den Lehrstuhl für Kardiologie in dem neu erbauten Leipziger Herzzentrum übernommen und Rainer Hambrecht die Funktion des leitenden Oberarztes angeboten. In Leipzig fand Hambrecht an dem neuen Standort des Herzzentrums auf der grünen Wiese erst einmal NICHTS vor. Es mussten völlig neue Strukturen in der Klinik und der Forschung aufgebaut worden. Diese Chance hat Rainer Hambrecht exzellent für die Präventionsmedizin und die klinische Forschung zu nutzen gewusst. Seine wissenschaftlichen Ziele richteten sich auf die schon in Heidelberg gemeinsam mit Gerhard Schuler beobachteten positiven Effekte von körperlichen Training auf den kranken Herzmuskel. Dies wollte er klinisch und experimentell weiter erforschen und auch auf molekularer Ebene verstehen lernen. In Leipzig baute er zusammen mit Volker Adams ein hochmodern ausgestattetes molekulares Forschungslabor auf, in dem auch gezielte Untersuchungen zur Endothelzellfunktion möglich waren.

Als ich 2000 nach Leipzig an das dortige Universitätsklinikum kam, konnte ich von den Erfahrungen der Arbeitsgruppe Rainer Hambrechts sehr profitieren. Wir haben sehr bald erfolgreiche Projekte mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Gang gesetzt, die immer sehr viel Freude gemacht haben. Gemeinsam haben wir auch über viele Jahre die Arbeitsgruppe „Prävention der koronaren Herzerkrankung“ der DGK geleitet. Dies war ein wunderbares Zusammenspiel an Ideen, in denen wir vor allem die Translation von Pathomechanismen der koronaren Herzkrankheit in die therapeutische Anwendung der Präventionsmedizin sichtbar machen wollten. Es waren sehr erfolgreiche Arbeitsgruppensitzungen, bei denen wir manchmal wegen der überfüllten Räume beneidet wurden. Und wenn ich zurückdenke, war Rainer Hambrecht immer die treibende Kraft, damit auch alles zeitnah und perfekt organisiert wurde. Und das besondere in dieser Zusammenarbeit war wiederum seine bescheidene Art, mit der er klar zu steuern wusste, ohne sich in den Vordergrund drängen zu müssen.

Hambrecht R et al. Effect of exercise on coronary endothelial function in patients with coronary artery disease. N Engl J Med 2000; 342:454-460

In den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende sind dann durch Rainer Hambrecht fast so nebenbei wegweisende Publikationen zur Prävention kardiologischer Erkrankungen entstanden. Sie haben unser heutiges Verständnis zu den Effekten und zum Nutzen körperlicher Aktivität auf den Herzmuskel völlig verändert. Während wir noch im Studium lernten, dass ein Infarktpatient und Patienten mit Herzinsuffizienz strikte Bettruhe einzuhalten hatten, zeigte sich aus den Leipziger Arbeiten von Rainer Hambrecht und Gerhard Schuler eine revolutionär neue Sicht des therapeutischen Vorgehens. Das Jahr 2000 begann dazu mit einem Paukenschlag und einer aufsehenerregenden Arbeit im New England Journal of Medicine. In dieser wegweisenden Interventionsstudie bei Patienten mit asymptomatischer koronarer Herzerkrankung konnte er erstmals kontrolliert belegen, dass intensives körperliches Training tatsächlich positive Effekte auf die Endothelfunktion hatte. So führten ein sechs mal tägliches Ausdauertraining von 10 Minuten über vier Wochen zu einer signifikanten Verbesserung der Acetylcholin-vermittelten Endothelfunktion und der koronaren Flussreserve.

Patienten mit Herzinsuffizienz bildeten eine besondere Herausforderung, da bei vielen eine Intoleranz für körperliche Aktivität vorliegt und die damaligen klinischen Empfehlungen vor allem in Bettruhe lagen. Rainer Hambrecht und seiner Gruppe gelang es zunächst eine Verbesserung der Endothelfunktion durch körperliches Training auch bei herzinsuffizienten Patienten zu zeigen. In einer in JAMA publizierten Studie gelang ihm dann der Nachweis, dass körperliches Training über sechs Monate nicht nur die Herzmuskelfunktion verbesserte, sondern auch die periphere hämodynamische Funktion positiv veränderte. Die pathophysiologischen Korrelate für die Effekte des körperlichen Trainings auf die Herz- und Skelettmuskulatur waren damals weitgehend ungeklärt. Interessanterweise zeigte die Trainings-Intoleranz keinen Zusammenhang zum Schweregrad der Herzinsuffizienz. Rainer Hambrecht fokussierte sich daher auf extrakardiale Faktoren, die die Skelettmuskulatur bei Patienten mit Herzinsuffizienz beeinflussen können. In mehreren Publikationen konnte er mit Volker Adams wichtige Faktoren für die Trainings-Intoleranz herausarbeiten. Hierzu zählen eine reduzierte oxidative Kapazität und der katabole Status des Skelettmuskels mit reduzierter IGF-1 Expression. Als führend erkannte er eine chronische Inflammation der Muskulatur mit einer lokalen Expression der induzierbaren Form der NO-Synthase. Diese wiederum ist mit einer beschleunigten Apoptose der Muskelzellen verbunden. Rainer Hambrecht konnte nun in einer Reihe von experimentellen und klinischen Arbeiten elegant belegen, dass Ausdauertraining diese nicht-kardialen Faktoren bei Patienten mit Herzinsuffizienz positiv verändert. Auch die vermehrte Bildung von Progenitorzellen durch körperliches Training konnte er erstmals zeigen.

2004 erfolgte mit einer Publikation in Circulation ein weiterer Durchbruch. In einer großangelegten Follow-up Studie über ein Jahr mit 101 Patienten wurde von ihm der Nutzen des körperlichen Trainings gegenüber einer PTCA-Intervention untersucht. Die Trainingsgruppe mit 20 Minuten Fahrradergometrie pro Tag zeigte mit 88% zu 77% Ereignisfreiheit klar eine signifikante Überlegenheit zur alleinigen PCI. In ausgewählten Fällen kann somit regelmäßiges körperliches Training eine letztlich auch kostengünstige Alternative zur PCI darstellen.

Die Arbeiten zur Prävention kardialer Erkrankungen durch körperliches Training von Rainer Hambrecht haben wesentlich dazu beigetragen, dass heute Ausdauertraining bei Patienten mit Herzinsuffizienz und mit KHK als ein üblicher Zusatz zur pharmakologischen Therapie international etabliert ist.

2001 wurde Rainer Hambrecht aufgrund seiner herausragenden wissenschaftlichen Arbeiten zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
2006 entschloss er sich dem Angebot der renommierten kardiologischen Chefarztposition am Klinikum Links der Weser in Bremen zu folgen. Seine neue Wirkungsstätte baute er bald zu einem Zentrum der kardiologischen Präventionsmedizin aus. Auch außerhalb der Universität blieb seine herausragende Publikationstätigkeit mit heute über 200 Arbeiten in vielen hochrangigen Journalen ungebrochen. Bremen kann nach 12 Jahren immer noch stolz sein, einen solch exzellenten Kardiologen und Wissenschaftler wie Rainer Hambrecht für die Hansestadt gewonnen zu haben.

Sein unermüdliches Engagement für die Präventionsmedizin mündet heute in die Stiftung Bremer Herzen, deren Vorsitzender er ist. Und so setzt Rainer Hambrecht mit der Bremer Herzstiftung den vor dreißig Jahren in den Heidelberger Vororten Eberbach-Wiesloch begonnenen Plan einer „kommunalen Prävention“ mit großem Zuspruch der Bevölkerung in die Wirklichkeit um. Glückliche Bremer Herzen!

Lieber Rainer, ich gratuliere Dir von ganzem Herzen zu Deinem Preis. Ich wüsste niemanden der heute würdiger wäre als Du, die „Lecture on Prevention des Jahres 2019“ zu halten.