Von der Leiste zum Herz – eine Herzklappe auf Wanderschaft. Was ist, wenn der „Streik“ droht?

Es benötigt keine Pausen, beansprucht keinen Urlaub und hat keine krankheitsbedingten Fehltage. Ist unermüdlich im Einsatz und übernimmt sämtliche Früh-, Spät und Nachtschichten. Aufgrund seiner hohen Belastbarkeit legt es eine Akkord-Taktung von circa drei Milliarden Schlägen im Leben vor. Es fordert keine Lohnerhöhungen und keine Fortbildungen. Das gibt es nicht? Das wäre doch (sozusagen) der ideale Arbeitnehmer! Aber müsste dann nicht längst die Gewerkschaft aktiv sein?

Die Rede ist von unserem Herzen. Dem lebensnotwendigsten Organ in unserem Körper, dessen Funktion wir als Selbstverständlichkeit voraussetzten. Morgens beim Radeln zur Arbeit, abends beim Gang durch den Garten oder nachts im Schlaf. Wenn wir ehrlich sind, schenken wir diesem bedeutenden Körperteil erst die notwendige Aufmerksamkeit, wenn es „mit Streik droht“, Pausen fordert oder Urlaub beantragt.

 

Wenn die Herzklappe die Arbeit niederlegt

Bei Verengung der Aortenklappe (Aortenstenose) ist definitiv von Arbeitsniederlegung zu sprechen. Dies ist der am häufigsten vorkommende Herzklappenfehler. Gekennzeichnet ist er durch eine Verhärtung und Verengung (Stenose) der Herzklappe am Ausgang der linken Herzkammer. Die Aortenklappe verhindert, dass Blut aus der großen Körperschlagader (Aorta) zurück in das Herz, also in die falsche Richtung fließt. Ähnlich wie ein Reifenventil. Infolge einer Stenose ist es für das Herz schwieriger, das Blut durch die Klappe zu pressen.

Um den Körper trotz der erhöhten Belastung mit genügend Blut zu versorgen, wird die Belastung für das Herz und den Herzmuskel extrem gesteigert. Hält diese Überlastung länger an, kommt es wie bei einer Schwäche der linken Herzhälfte (Linksherzinsuffizienz) dazu, dass sich Blut in die Lunge zurückstaut. Dies führt zu Leistungsminderung, Luftnot und zu Einschränkungen der allgemeinen Lebensqualität.

Bei Verschlechterung der Symptomatik bleibt meist keine andere Wahl als der operative Eingriff. Dabei wird die defekte Aortenklappe durch eine künstliche Klappe ersetzt. Diese Operation ist für viele Menschen die einzig mögliche Therapie. Diese Chance birgt jedoch leider für ältere Menschen ein hohes Risiko. Die konventionelle (also herkömmliche) Operation am offenen Herzen kann gerade bei Menschen im betagten Alter, mit diversen Voroperationen oder Begleiterkrankungen zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.

Für diese Patienten stellt der kathetergestützte Aortenklappenersatz (TAVI; Transcatheter Aortic Valve Implantation) eine mögliche Therapiealternative dar. Bei dieser Operationsmethode kann auf eine Vollnarkose verzichtet werden. Patienten werden lediglich sediert (= beruhigt) und in einen Dämmerschlaf versetzt.

Bei der TAVI wird die neue Herzklappe (Ersatzklappe) in zusammengefalteter Form über einen minimalen Schnitt in der Leistengegend mit einem dünnen, flexiblen Schlauch (Katheter) in die Oberschenkelarterie eingeführt und bis zum Herzen vorgeschoben. Die biologische Herzklappenprothese wird an die Stelle der kranken Aortenklappe vorgeschoben und aufgedehnt, so dass die kranke Herzklappe in die Wand der Aorta gedrückt und ersetzt wird. Sitzt die neue Aortenklappe zu diesem Zeitpunkt noch nicht optimal, kann während der Operation die Position verändert, die Klappe ganz zusammengefaltet oder sogar entfernt werden. Sitzt die Klappe an der richtigen Position, wird sie vollständig vom Einführsystem entkoppelt. Das alles geschieht bei schlagendem Herzen, eine Herz-Lungen-Maschine wird nicht benötigt.

 

Kleine Klammer, große Wirkung 

Ein weiteres schonendes Verfahren in der Behandlung von Herzpatienten ist die sogenannte Mitralklappen-Clip-Therapie. Bei diesem nicht-chirurgischen Verfahren kann eine Undichtigkeit der Mitralklappe (liegt zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer) mittels des Mitra-Clip behandelt werden.

Auch hier wird über die Leistenvene mit Hilfe eines Katheters das Herz erreicht. An der Spitze des Katheters befindet sich der Clip, der dann mittels kontinuierlicher Ultraschallkontrolle an der richtigen Stelle zwischen den Segeln der Mitralklappe platziert wird. So kann das bestmögliche Ergebnis erzielt werden.

Viele Patienten bemerken direkt nach dem Eingriff bereits eine deutliche Verbesserung ihres Befindens.

 

 

Diese Verfahren werden seit mehr als zehn Jahren in der Klinik für Innere Medizin II (Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin) des Klinikums Links der Weser erfolgreich durchgeführt. Dank der permanenten Weiterentwicklung und Verfeinerung der beschriebenen Verfahren ist es deutschlandweit eines der führenden Zentren. Durch Zusammenarbeit mit der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie wurden bereits mehr als 1200 Aortenklappen implantiert. Ein interdisziplinäres, hochqualifiziertes „Heart (Herz) Team“ bespricht für jeden einzelnen Patienten das optimale Vorgehen. Das Team besteht aus Chef- und Oberärzt*innen der Klinik für Kardiologie und der Klinik für Herzchirurgie.

Mit „Streik zu drohen“ kann die Arbeitsniederlegung für unser Herz bedeuten. Es ist gut zu wissen, dass der technische Fortschritt und modernste Operationstechniken die Belastungen reduzieren. Wünsche nach mehr Erholung und weniger Belastung sollten wir dennoch ernst nehmen und unserem besten Arbeitnehmer mehr Bewegung, gesunde Ernährung und viel frische Luft gönnen.