Herzbericht 2018 unter Beteiligung des BIHKF erschienen: Prävention darf kein soziales Privileg werden

Als wichtige Datengrundlage für die Beurteilung der herzmedizinischen Versorgung der Bevölkerung präsentiert der jetzt erschienene Deutsche Herzbericht 2018 aktuelle Trends u. a. zu Häufigkeit und Sterblichkeit von Herzerkrankungen, zu Klinikaufnahmen und Sterbefällen wegen Herzinfarkts in den einzelnen Bundesländern sowie Daten zu den bundesweit durchgeführten Diagnosen und Therapien.

Einen besonderen Stellenwert im Herzbericht hat das Kapitel zum Thema Prävention, das von Prof. Dr. Rainer Hambrecht, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Bremer Herzen, Wissenschaftlicher Beirat der Deutschen Herzstiftung und Chefarzt für Kardiologie am Klinikum Links der Weser, gemeinsam mit Prof. Dr. Harm Wienbergen, Leiter des Bremer Instituts für Herz- und Kreislaufforschung (BIHKF) und Prof. Dr. Stephan Gielen (Klinikum Lippe, Detmold) sowie Prof. Dr. Ulf Landmesser (Charité, Berlin) geschrieben wurde. Präsentiert werden im Herzbericht auch wichtige Studienergebnisse aus unserem Bremer Institut für Herz- und Kreislaufforschung (BIHKF).

Prof. Hambrecht als Studiogast bei Sat.1 Regional.

Zum neuen Herzbericht wurde Prof. Hambrecht von Sat.1 Regional interviewt. Hier können Sie das Interview mit Prof. Hambrecht online anschauen:

https://www.sat1regional.de/neuer-herzbericht-vorgestellt-das-sollten-sie-jetzt-beherzigen/

 

Herzkrankheiten weiterhin Haupttodesursache

Insgesamt ist die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Dennoch verzeichnen wir in Deutschland pro Jahr weiterhin über 338.000 Sterbefällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Unverändert ist die unterschiedlich hohe Sterblichkeit an Herzkrankheiten zwischen den einzelnen Bundesländern. Während die niedrigste Sterbeziffer weiterhin Hamburg mit 184 Gestorbenen pro 100.000 Einwohner, Berlin (187) und Baden-Württemberg (200) haben, ist die Sterblichkeit am höchsten in Sachsen-Anhalt (295), Bremen (270) und Mecklenburg-Vorpommern (264).

Da die medizinische Akutversorgung in Deutschland auf einem guten Niveau ist, sind vor allem nachhaltige Präventionsmaßnahmen gefragt, um eine Verbesserung der Sterbeziffern zu erzielen.

Die STIFTUNG BREMER HERZEN setzt sich daher gezielt mit Präventionsmaßnahmen an Schulen, in Betrieben und im öffentlichen Raum für die Herzgesundheit in Bremen ein. Dazu zählen Projekte wie Hallo. Hier spricht dein Herz, mit dem wir in den ersten zwei Jahren bereits über 2.000 Kinder und Jugendliche erreicht haben, die Bremer Herztage, Aktionen in Schulen, Healthy-Hearts-Angebote und die Herzolympiade für Firmen sowie die Aktion „Drück mich!“ zur Aufklärung und Steigerung der Laienreanimationsrate in Bremen.

 

Mit „Hallo. Hier spricht dein Herz“ sensibilisiert die Stiftung Bremer Herzen bereits Kinder und Jugendliche zum Thema Risikofaktoren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

 

BIHKF-Studien legen bei Präventionsprogrammen Fokus auch auf sozial Benachteiligte nahe. Herzspezialisten fordern mehr Priorität für gezielte Präventionskonzepte zur Bekämpfung der Herzinfarkt-Sterblichkeit

Die Präventionsmedizin muss viel gezielter auf Unterschiede im Gesundheitsverhalten der Bevölkerung, darunter auch soziale Aspekte wie Bildung und Arbeitslosigkeit, eingehen. „Vorbeugung richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene aller Altersgruppen aus unterschiedlichen sozialen Milieus – das sind herzgesunde wie chronisch herzkranke Menschen, deren Lebensqualität und Prognose wir durch immer bessere Therapien, aber eben auch durch viel mehr flächendeckende Prävention verbessern und erhalten müssen“, unterstreicht Prof. Hambrecht.

 

Rauchen und Übergewicht häufiger in sozial benachteiligten Stadtgebieten

Untersuchungen des von Prof. Hambrecht geleiteten Bremer Herzinfarkt-Registers („STEMIRegister“) an über 3.400 Herzinfarktpatienten in der Region Bremen und dem umliegenden Niedersachsen haben gezeigt, dass Herzinfarkt-Patienten je nach Alter und sozioökonomischem Status unterschiedlich mit den Möglichkeiten der lebensstilbedingten Senkung von Herzinfarkt-Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht umgehen.

„Raucher und stark übergewichtige Personen mit einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko und Herzinfarkt-Patienten waren häufiger in sozial benachteiligten als in besser gestellten Stadtgebieten anzutreffen“, berichtet Prof. Hambrecht und fügt hinzu, dass diese Häufung von Infarkten zudem ausgeprägter bei den jüngeren unter 50-jährigen Personen in den sozial benachteiligten Stadtteilen anzutreffen gewesen sei. Auch in der Fünf-Jahres-Langzeit-Prognose zeigten sich schwerwiegende Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall stärker in diesen Stadtgebieten.

Bremer Herztage der Stiftung Bremer Herzen: kostenlose Beratungsangebote rund ums Herz

„Diese Daten bestärken Präventionskonzepte, die auf sozial benachteiligte Personen und ‚Brennpunkt‘-Stadtteile fokussieren, um die Herzinfarkt-Erkrankungshäufigkeit und -Sterblichkeit zu senken“, heißt es im Herzbericht. „Unsere Daten legen vor allen Dingen nahe, dass ein lückenloses Tabakwerbeverbot in Deutschland längst überfällig ist, um die Raucherquote besonders unter den Jugendlichen effektiv einzudämmen.“

Jährlich kommt es zu über 218.000 Klinikeinweisungen wegen Herzinfarkten in Deutschland, rund 49.000 Menschen sterben daran. Hinzu kommen die Koronare Herzkrankheit (KHK) mit über 73.000 Sterbefällen (ohne Herzinfarkt) und die Herzschwäche mit über 40.000 Gestorbenen. Die durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachten Kosten in der EU beziffern Wissenschaftler nach Schätzungen mit 210 Mrd. Euro pro Jahr. „Eine beträchtliche Zahl Krankenhausaufnahmen und Todesfälle aufgrund von Herzerkrankungen könnte auch deutlich verringert werden, wenn die Menschen mehr Vorsorge betrieben.“ Studien zufolge sind 90 % aller Infarkte durch einen ungesunden Lebensstil bei Männern und Frauen zu erklären (Rauchen, Bewegungsmangel, Fettleibigkeit).

 

Schlechte Einstellung der Herzinfarkt-Risikofaktoren bei KHK-Patienten

Ein weiteres Problem stellt die unzureichende Einstellung von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren bei Herzpatienten im klinischen Alltag dar. Beim Vergleich von Versorgungsdaten von mehreren Tausend KHK-Patienten in Europa aus den Untersuchungen EUROASPIRE IV (6.905 Pat.) und EUROASPIRE V (4.793 Pat.) im Fünf-Jahres-Abstand ergab: Die Zahl der Raucher und inaktiven Patienten hat sich deutlich verschlechtert, die Rate der Patienten mit Adipositas (Fettleibigkeit) hat sich deutlich erhöht. Zwei Drittel der Patienten erreichten nicht den LDL-Cholesterin-Zielwert bei KHK (niedriger als 70 mg/dl).

Ähnliche Befunde zeigte für den deutschen Kontext das Bremer STEMI-Register: „Nicht mal ein Drittel der Herzinfarkt-Patienten erreichte den LDLCholesterin-Zielwert und nur zwölf Prozent erreichten den BMI- oder Body-Mass-Index-Zielwert“, bestätigt Prof. Hambrecht. Von den über 75.500 Herzpatienten in kardiologischer Reha (2017) hatten rund 38 % Patienten die Diagnose KHK und 21 % Herzinfarkt.

Die Ergebnisse der EUROASPIRE-V-Studie und des Bremer STEMI-Registers zur unzureichenden Einstellung der Risikofaktoren übertragen auf diese Patientenzahl zeigt, wie enorm wichtig gezielte Präventionskonzepte sind, die nachhaltig eine Verdrängung beeinflussbarer Risikofaktoren wie körperliche Inaktivität, Rauchen und Stress ohne Ausgleich bewirken und so erneute Herzinfarkte, Krankenhausaufnahmen infolge einer Entgleisung der Herzkrankheit oder die Entstehung neuer Begleiterkrankungen verhindern.

„Die medizinische Versorgung ist ein Eckpfeiler. Darüber hinaus sollten aber Länderministerien mehr in Vorsorge-Programme investieren, die zur Schaffung förderlicher Bedingungen für ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung in Kitas, Schulen, Betrieben besonders in benachteiligten Wohnquartieren beitragen“, empfiehlt der Bremer Herzspezialist und Autor des Präventionskapitels im neuen Herzbericht.